Bilingualer Sachfachunterricht


Was ist bilingualer Sachfachunterricht?

Einleitung
Definition
Entwicklung
Didaktik / Methodik
Erforschung
Welche Ziele hat der bilinguale Unterricht?
Wer kann am bilingualen Unterricht teilnehmen?
Bilinguale Angebote in den verschiedenen Schulformen
Wie ist bilingualer Unterricht aufgebaut?
Wie werden die Leistungen bewertet?
Wie wird die Teilnahme bescheinigt?
Gibt es besondere Lehrerinnen und Lehrer für den bilingualen Unterricht?

Einleitung

Bilingualer Unterricht ist Unterricht in zwei Sprachen. Über den traditionellen Fremdsprachenunterricht hinaus werden auch Teile des Fachunterrichts in der Fremdsprache erteilt.

Es gibt unterschiedliche Modelle:

  • bilinguale Zweige, die sich auch in der Stundentafel niederschlagen.
  • flexible bilinguale Module: erweiterte Fremdsprachenangebote, z.B. Unterrichtssequenzen im Fachunterricht, in denen die Fremdsprache nur zeitweise als Unterrichtssprache verwendet wird,
  • fremdsprachige Projekte und Arbeitsgemeinschaften.

Definition:

Die Bezeichnung „Bilinguales Lehren und Lernen“ steht als Oberbegriff für bilinguale Bildungsangebote unterschiedlicher Ausprägungen. Verwandte Begriffe sind bilingualer (Sachfach-)Unterricht, Fremdsprachen als Arbeitssprachen in Sachfächern, content and language integrated learning und Immersion.
Es gibt verschiedene Grundtypen, die sich hinsichtlich ihrer Struktur teilweise sogar erheblich unterscheiden. So kann ein Fach komplett bilingual unterrichtet werden oder auch nur phasenweise in dafür vorgesehenen Modulen. Gemeinsam haben sie allerdings alle, dass sie sich in erster Linie an Schüler mit der Muttersprache Deutsch wenden. Die zweite oder die Profilsprache ist dann das Bereicherungsprogramm. Bilinguale Bildungsangebote sind inzwischen, in ihren unterschiedlichen Ausprägungen, in allen Bundesländern zu finden.

Entwicklung:

Die Einführung bilingualer Bildungsgänge geht in Deutschland auf den deutsch-französischen Kooperationsvertrag von 1963 zurück. 1970 fand das ganze dann zum ersten Mal an einem Gymnasium statt. In der Folgezeit gab es auch noch wesentlich mehr bilinguale Züge mit Französisch als Profilsprache. Englisch kam verstärkt in den 90ern dazu und ist inzwischen bundesweit die Hauptprofilsprache.
Am meisten eingesetzt werden bilinguale Lehrformen zunächst in Fächern wie Erdkunde, Geschichte und Politik. Inzwischen hat sich die bandbreite dieser Fächer stark ausgedehnt.

Didaktik/Methodik:

Da bilingual unterrichtete Fächer bislang bloß als erweiterte Sachfächer angesehen werden, gibt es noch einheitliches Bild bezüglich Methodik und Didaktik. Das Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister benennt aber 1999 folgende Zielsetzungen:
Erfahrungen sammeln mit der Profilsprache als Lern- und Arbeitssprache.
Intensivierung und Differenzierung der Sprachkompetenz
Ausbildung einer bi- und multikulturellen Kompetenz.

Erforschung:

Während es in den ersten 20 Jahren fast Erfahrungsberichte von Unterrichtspraktikern gab und es systematisch abgesicherter Forschung mangelte, gibt es inzwischen eine ganze Reihe empirischer Forschungsarbeiten.
Momentan liegt der Fokus dabei stark auf fremdspanrachenlehr- und – lernbezogenen Perspektiven, da die meisten Studien den Bereichen der Sprachenlehrforschung und der Fremdsprachendidaktik entstammen. Sachfachliche Aspekte finden selten Berücksichtigung.

Welche Ziele hat der bilinguale Unterricht?

  1. Als erweiterter Fremdsprachenunterricht strebt er eine erhöhte Sprachkompetenz an.
  2. Als Fachunterricht in der Fremdsprache befähigt er Schülerinnen und Schüler, fachliche Sachverhalte in Lernbereichen wie Wirtschaft, Kultur und Politik in der Fremdsprache zu verstehen, zu verarbeiten und darzustellen.

Durch die erhöhte Sprachkompetenz und das vermehrte Wissen über fremde Kulturen sind die Jugendlichen in der Lage, am Leben in den Partnerländern teilzunehmen.

Bilingualer Unterricht fördert das gegenseitige Kennenlernen und Verstehen und die Schülerinnen und Schüler erwerben interkulturelle Kompetenz, d.h. sie können:

  1. die Perspektive des Partnerlandes einnehmen,
  2. Verstehensprobleme in dieser Perspektive vorwegnehmen
  3. ihr eigenes Land für Partner der anderen Kultur und Sprache darstellen.

Bilingualer Unterricht und bilinguales Lernen bereiten auf Studium und Beruf vor, denn sie vermitteln Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die für das spätere Berufsleben in einem sprachlich und kulturell vielfältigen Europa wichtig sind.

In den Schulen mit bilingualem Unterricht sind internationale Schulpartnerschaften mit Schüleraustauschprogrammen im Rahmen des Schulprogramms in das Angebot einbezogen.

Wer kann am bilingualen Unterricht teilnehmen?

Grundsätzlich richtet sich das bilinguale Angebot einer Schule an alle Schülerinnen und Schüler. Die Teilnahme erfolgt auf Antrag der Eltern. Dem sollte aber immer eine intensive Beratung vorausgehen, denn ein zusätzliches Angebot ist auch mit zusätzlicher Anstrengung verbunden. Deshalb sind neben der Leistung in der bisherigen Schullaufbahn auch Lernbereitschaft und Konzentrationsfähigkeit zu berücksichtigen sowie die Bereitschaft, längerfristige Ziele anzustreben.

Bilinguale Angebote sind "durchlässig" angelegt. Sollte sich im Einzelfall herausstellen, dass bei einer Schülerin oder einem Schüler unerwartete Lernschwierigkeiten auftreten, berät die Schule unter Berücksichtigung der schulspezifischen Gegebenheiten und ggf. der Sprachenfolge über geeignete Maßnahmen. Dies kann auch die Beendigung des bilingualen Unterrichts einschließen. Eine solche Entscheidung hat aber keinerlei Auswirkung auf den angestrebten Schulabschluss.

Bilinguale Angebote in den verschiedenen Schulformen

Gymnasien

Bilinguale Züge an Gymnasien gibt es in Nordrhein-Westfalen seit 1970. Die Schulen führen in der Regel eine bilinguale Klasse pro Jahrgang. Die Aufnahme erfolgt auf Antrag der Eltern nach Beratung durch die Schule. Am häufigsten wird Englisch angeboten, gefolgt von Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch und Neugriechisch. Für Russisch besteht im Augenblick leider nur geringe Nachfrage.

Der bilinguale Sachfachunterricht in den Jahrgangsstufen 7 bis 10 umfasst die Fächer Erdkunde, Geschichte und Politik. In Zügen mit der Fremdsprache Englisch kann auch Biologie als bilinguales Sachfach einbezogen werden. Die Wochenstundenzahl erhöht sich in den Jahrgangsstufen 7 und 8 im jeweils neu einsetzenden Sachfach um eine Wochenstunde. Im Rahmen der Möglichkeiten der einzelnen Schule können als Ergänzung die Fächer Kunst und Sport angeboten werden.

Schülerinnen und Schüler, die den bilingualen Unterricht in der Oberstufe fortsetzen, führen ein bilinguales Fach als Grundkurs bis zum Abitur und legen darin eine schriftliche oder mündliche Abiturprüfung ab. Die Fremdsprache wird als Leistungskurs weitergeführt.

An einigen Gymnasien des Landes ist im Rahmen eines deutsch-französischen Kooperationsprogramms der gleichzeitige Erwerb der "allgemeinen Hochschulreife" und des "Baccalauréat " möglich. Dieses Angebot ist Teil des bilingualen deutsch-französischen Zugs, weist aber einige Besonderheiten auf - zum Beispiel zwei Sachfächer in der gymnasialen Oberstufe und eine obligatorische mündliche Prüfung in der Fremdsprache Französisch in der Abiturprüfung.

Realschulen

Positive Erfahrungen mit bilingualem Unterricht im Bereich der Realschulen gibt seit 1989. Die angebotenen Sprachen sind Englisch, Französisch und Niederländisch.

Englisch setzt in der Klasse 5 ein. Französisch und Niederländisch werden von Jahrgangsstufe 5 an zusätzlich zur ersten Fremdsprache Englisch im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft unterrichtet und von Jahrgangsstufe 7 an als zweite Fremdsprache gewählt.

Die Schulen führen in der Regel eine bilinguale Klasse pro Jahrgangsstufe (bilingualer Zug). Die Aufnahme erfolgt auf Antrag der Eltern nach Beratung durch die Schule.

Das erste bilinguale Sachfach ist Erdkunde, gefolgt von Geschichte in Jahrgangsstufe 8. Einige Schulen bieten in Jahrgangsstufe 10 Politik als drittes Sachfach an. Das jeweils neu einsetzende Sachfach wird um eine zusätzliche Unterrichtsstunde erweitert.

Den Abschlussbericht zum Schulversuch Bilingualer Unterricht an Realschulen finden Sie hier als Download.

Gesamtschulen

Die Zielsprache ist in der Regel Englisch.
Für den bilingualen Unterricht einer Jahrgangsstufe werden keine gesonderten bilingualen Klassen (Züge) eingerichtet. Statt dessen nehmen Schülerinnen und Schüler verschiedener Klassen an einem um zwei Wochenstunden verstärkten Englischunterricht teil.

Die Teilnahme erfolgt nach Beratung durch die Schule auf Antrag der Eltern. Die Schülerinnen und Schüler, die den bilingualen Unterricht besuchen, belegen ab der 7. Jahrgangsstufe in der Regel - im Rahmen der Fachleistungsdifferenzierung - einen Erweiterungskurs im Fach Englisch.
Die Schulen entscheiden selbst, welche Fächer sie als fremdsprachliche Sachfächer in ihr bilinguales Angebot aufnehmen. Häufig ist es Erdkunde, Geschichte, Politik oder Wirtschaftslehre. Die Wochenstundenzahl des bilingual unterrichteten Sachfachs erhöht sich in den Jahrgangsstufen 7 und 8 um jeweils eine Wochenstunde.

Der bilinguale Unterricht an Gesamtschulen wird mit dem Ende der Sekundarstufe I abgeschlossen. In der gymnasialen Oberstufe kann er so fortgeführt werden, wie im Bereich der Gymnasien beschrieben worden ist.

Einen ausführlichen Bericht über bilinguale Gesamtschulen mit detaillierten Hinweisen zu vielen konkreten Einzelfragen finden Sie hier als Download.

Berufskollegs

In den Bildungsgängen des Berufskollegs kann in einzelnen berufsbezogenen Fächern oder im Differenzierungsbereich eine Fremdsprache als Arbeitssprache verwendet werden. Die Berufskollegs entscheiden selbst unter Berücksichtigung ihrer speziellen Möglichkeiten und der curricularen Vorgaben über die Organisation eines entsprechenden Fremdsprachenangebots.

Wie ist bilingualer Unterricht aufgebaut?

Erweiterter Fremdsprachenunterricht

Der bilinguale Unterricht baut auf der ersten Fremdsprache auf. Er beginnt in der Regel mit einem erweiterten Fremdsprachenunterricht in den Jahrgangsstufen 5 und 6 mit sieben statt fünf Wochenstundenzahl.

Themen aus den Bereichen "Wetter und Klima", bei Englisch als Arbeitssprache auch aus Bereichen der Tier- und Pflanzenwelt führen bereits zu den fremdsprachlichen Sachfächern hin.

Oftmals ist am Ende der Jahrgangsstufe 6 eine erste Reise in das Zielland vorgesehen. Diese ersten Erfahrungen im Anwenden der Fremdsprache stellen eine Vorbereitung auf den Gebrauch der Fremdsprache in Sachfächern dar.

Sachfachunterricht in der Fremdsprache als Unterrichtssprache

Der in der Jahrgangsstufe 7 einsetzende bilinguale Sachfachunterricht baut auf den bisherigen Fremdsprachenkenntnissen auf. Er führt schrittweise auf fachsprachliches und fachmethodisches Arbeiten in der Fremdsprache hin.
Um den langsameren Lernfortschritt, der sich aus anfänglich noch geringen Sprachkenntnissen ergibt, auszugleichen, wird die Wochenstundenzahl des neu einsetzenden Sachfachs um eine Wochenstunde erhöht. So wird gewährleistet, dass der in der Fremdsprache geführte Sachfachunterricht zu den gleichen Fähigkeiten führt wie der in der Muttersprache geführte Unterricht.

Kooperation zwischen Fremdsprachenunterricht und Sachfachunterricht

Die fachübergreifende Kooperation des Fremdsprachenunterrichts mit den bilingualen Sachfächern hat eine große Bedeutung:

  1. der Fremdsprachenunterricht stützt den sprachlichen Fortschritt in den Sachfächern;
  2. die erweiterten Sprachkenntnisse aus dem Sachfachunterricht fließen in den Fremdsprachenunterricht ein.

Fächer des bilingualen Unterrichts

Am häufigsten werden die Fächer des gesellschaftswissenschaftlichen Bereichs für den bilingualen Unterricht bevorzugt. Es gibt aber auch einige bilinguale Züge mit der Fremdsprache Englisch und fremdsprachlichem Unterricht in Biologie . Ergänzende Erfahrungen mit Sport und Kunst liegen vor.

Fremdsprache und Muttersprache im bilingualen Sachfach

Der Sachfachunterricht läuft meistens in der Fremdsprache ab. Allerdings kann es Unterrichtsphasen geben, die den bewussten Einsatz deutschsprachiger Unterrichtsmaterialien und auch Deutsch als Unterrichtssprache verlangen.

Wie werden die Leistungen bewertet?

Es gelten die allgemeinen Lernanforderungen für den Fremdsprachenunterricht. Sonderregelungen bestehen nicht. Die Vergleichbarkeit wird durch die zuständigen Fachkonferenzen sichergestellt.

Bei der Bewertung der Leistungen in den bilingualen Sachfächern des Lernbereichs Gesellschaftslehre und im Fach Biologie werden in erster Linie die fachbezogenen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten beurteilt. Die fremdsprachliche Leistung wird zusätzlich erbracht. In den Fächern Kunst und Sport werden nur die fachlichen Leistungen beurteilt.

Wie wird die Teilnahme bescheinigt?

Die Teilnahme am bilingualen Unterricht in der Sekundarstufe I und in der gymnasialen Oberstufe wird unter der Rubrik "Bemerkungen" auf dem Abgangs-, Abschluss- oder Abiturzeugnis oder auch in einer Anlage zum Zeugnis (Zertifikat) bescheinigt.

Bei Schülerinnen und Schüler, die die Abiturprüfung im ersten und dritten oder vierten Abiturfach in der Partnersprache abgelegt haben, wird dies und die Dauer des Unterrichts auf dem Abiturzeugnis vermerkt. Diejenigen, die die Abiturprüfung nach bilingualem deutsch-französischen Unterricht in der Partnersprache ablegen, sind aufgrund der Vereinbarung zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der Französischen Republik vom 10. Juli 1980 von den Sprachprüfungen für die Einschreibung an den französischen Universitäten befreit.

Der Erwerb des französischen Baccalauréat im Rahmen des Programms "Gleichzeitiger Erwerb der allgemeinen Hochschulreife und des Baccalauréat" wird vom französischen Erziehungsministerium in einer gesonderten Bescheinigung bestätigt.

Gibt es besondere Lehrerinnen und Lehrer für den bilingualen Unterricht?

In der Regel unterrichten im bilingualen Unterricht Lehrkräfte, die die Lehrbefähigung für die Fremdsprache und das entsprechende Sachfach besitzen. Auf diese Weise werden sowohl die sprachliche als auch die fachliche Kompetenz gewährleistet und das fächerverbindende Arbeiten gefördert. Soweit möglich sollen Lehrkräfte, deren Muttersprache die Unterrichtssprache ist, einbezogen werden. Empfohlen wird der Einsatz von Fremdsprachenassistentinnen und -assistenten im Rahmen der Austauschprogramme des Landes.

An der Universität/Gesamthochschule Wuppertal sowie an der Universität Bochum besteht die Möglichkeit zu einem Zusatzstudium für den bilingualen Unterricht im Rahmen des Lehramtsstudiums. Die Studienseminare Leverkusen und Köln ermöglichen den Erwerb einer Zusatzqualifikation zum zweiten Staatsexamen im Verlauf der zweiten Phase der Lehrerausbildung. Zur Unterstützung der Lehrkräfte werden regionale, auch grenzüberschreitende Fortbildungsveranstaltungen angeboten.

Für die Zielsprache Englisch und die bilingualen Sachfächer Erdkunde, Geschichte, Politik und Biologie stehen den Moderatorinnen und Moderatoren sowie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der Fortbildung umfangreiche Materialien des Landesinstituts für Schule und Weiterbildung zur Verfügung.